Musiktherapie
Musik verbindet – sie kann eine Brücke dorthin sein, wo Worte allein oft nicht hinkommen.
Musiktherapie ist ein wissenschaftlich fundiertes psychotherapeutisches Verfahren mit Musik. Sie nutzt musikalische Erfahrungen und die therapeutische Beziehung, um seelische, psychosomatische und soziale Prozesse zu begleiten. Dabei geht es nicht um musikalische Leistung oder Können. Im Mittelpunkt steht vielmehr das, was durch Musik hörbar und dadurch greifbarer werden kann: Gefühle, innere Bewegungen, Erinnerungen, Spannungen, Ressourcen und Beziehungserfahrungen.
Das Arbeitsfeld der Musiktherapie ist vielfältig und umfasst Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen und Lebenssituationen – bis in die letzte Lebensphase, in der musiktherapeutische Begleitung Halt, Ausdruck und Entlastung ermöglichen kann. Sie wird unter anderem im klinischen Bereich, in der Psychosomatik, Psychiatrie, Neurologie, Pädiatrie, Rehabilitation, Geriatrie sowie in der Palliativmedizin eingesetzt.
In der Musiktherapie schaffen wir gemeinsam einen geschützten Raum, in dem das, was nach Ausdruck sucht, eine Stimme bekommen darf. Musik kann helfen, innere Prozesse wahrzunehmen, zu ordnen und in Kontakt zu bringen. Sie ermöglicht Begegnung – mit sich selbst, mit anderen und mit Themen, die im Alltag oft schwer zugänglich sind.
Der therapeutische Prozess kann berühren, stärken und sicher begleiten. Je nach Situation kann Musiktherapie entlastend, stabilisierend, aktivierend oder klärend wirken. Sie eröffnet neue Perspektiven und unterstützt dabei, eigene Ausdrucksmöglichkeiten und innere Ressourcen zu entdecken.
Musikalische Vorerfahrungen sind dafür nicht erforderlich. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich auf einen Prozess einzulassen, in dem Musik als Medium für Ausdruck, Verbindung und Veränderung wirken kann.
Sung-Eun Lee (DMtG zert. Musiktherapeutin)


Essentielle Fragen
Mein Sohn war noch im Kindergarten, als innerhalb eines Jahres drei unserer guten Bekannten verstarben. Wir nahmen ihn nicht mit zu den Beerdigungen, doch er bekam alles mit. Nachts wachte er weinend und schreiend auf: Ob auch ich sterben würde? Ob er selbst irgendwann sterben müsse? Ich überlegte, ob wir professionelle Hilfe bräuchten. Einige Tage später kam er zu mir und hatte nur noch eine Frage: „Mama, wenn du stirbst, bist du dann immer noch meine Mutter?“ Erleichtert antwortete ich ohne Zögern: „Ja. Das bleibt – egal, was passiert.“ Er ging zufrieden weg. Ab diesem Tag hatte er keinen einzigen Albtraum mehr.
Diese Frage eines kleinen Kindes machte mich nachdenklich. Was ist wichtig? Was zählt wirklich? Was brauchen wir am Ende?
In einer Musiktherapie-Stunde beginnen wir oft mit mehreren Liedern und Klängen. Dann lasse ich nach und nach immer mehr Töne weg. Am Ende bleiben nur einige essentielle Klänge – solche, die wir Menschen alle gemeinsam haben und intuitiv verstehen, egal woher wir kommen.
Zurückkehren
In Korea verwendet man oft die höchst höfliche Umschreibung „zurückkehren 돌아가시다 (doragassida)“, anstelle des direkten Wortes für „sterben 죽다 (jukda)“.
Der Gedanke dahinter ist, dass jemand nicht einfach stirbt, sondern in eine andere Existenz oder an einen ursprünglichen Ort zurückkehrt – sei es metaphorisch oder spirituell.
Die Höflichkeitsform 돌아가시다 setzt sich aus 돌아 (zurück) und 가시다 (eine respektvolle Form von gehen) zusammen. Dadurch wird der Tod nicht als abruptes Ende dargestellt, sondern so, als würde die Person auf eine Reise zurück zu einem Ursprungsort gehen, was einen sanfteren und respektvolleren Klang hat.



„Ein ganz besonderes, persönliches Geschenk!“
(Zitat einer Patientin zu SOL)

Song of Life (SOL) ist eine biografisch orientierte Musiktherapie. Ein bedeutsames Lied aus dem Leben der Patientinnen wird zunächst auf eine behutsame und sanfte Weise umgewandelt. Danach wird das bearbeitete Lied vorgespielt, aufgenommen und reflektiert.
Die musikalische und atmosphärische Anpassung des Liedes bietet eine weitere Möglichkeit, in mit nur einem Lied die aktuellen Emotionen und die wesentlichen (Lebens)themen der Patientinnen zu berühren.
Die Wirksamkeit dieser Musiktherapie wurde in der SOL-Studie (Studienleitung Prof. Dr. Marco Warth, 2018-2020) erfolgreich erforscht. Sung-Eun Lee (DMtG-zert.) führte die Musiktherapie im Rahmen der SOL-Studie auf der Palliativstation der Mainzer Universitätsmedizin durch. Sie wird in der DMtG-Fortbildung ihre Erfahrungen aus der Studie und ihrer Praxis vermitteln, wie sie einen Weg hin zur personalisierten Musiktherapie fand. Elka Aurora (DMtG-zert. Lehrmusiktherapeutin) und Eva-Maria Holzinger (DMtG-zert.) wirken mit.

Klänge lösen Emotionen aus, dienen zur Entspannung und wirken aber auch kommunikativ. Außerdem kann man durch „Experimente“ mit Klängen eigene Ressourcen finden bzw. aktivieren.
Nicht nur aktives Musizieren, sondern auch Zuhören, Sprechen oder Atmen gehört zur Musik.
Daher sind wir alle „musikalisch“. Es gibt kein „Richtig“ oder „Falsch“ in der Musiktherapiestunde.
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